Druckansicht der Internetadresse:

Gesellschaft für interkulturelle Germanistik

Seite drucken

Ähnlichkeit

Identität und Differenz waren lange Zeit die beiden Leitkategorien interkultureller Germanistik schlechthin; freilich stört sich die Forschung schon seit geraumer Zeit daran, dass ihr Gebrauch unweigerlich zu binären Oppositionen oder zu Paradoxien führt, selbst wenn sie konstruktivistisch und prozessual aufgefasst werden. Der Begriff der Identität suggeriert – obwohl es inzwischen elaborierte Konzepte gibt, die eine dynamische und perspektivenabhängige Auffassung des Begriffs vertreten – ebenso wie jener der Differenz, dass man letztlich eindeutig sagen könne, ob zwei Entitäten gleich oder verschieden seien. Ähnlichkeit wirkt demgegenüber in produktiver Weise irritierend, weil sie dynamisierend ist: Neue Gesichtspunkte werden herangezogen, unter denen Verschiedenes sich doch als gleich erweist, ohne dass dadurch die Unterscheidung aufgehoben wäre, denn Ähnlichkeit bezieht sich immer nur auf einzelne Gesichtspunkte. Ähnlichkeit lädt damit zu produktiven Anschlussoperationen ein, indem sie Identität und Differenz in dynamische Vorgänge der Metamorphose überführt. Für die interkulturelle Literaturwissenschaft ist der Begriff produktiv, weil er wegführt von der ausschließlichen Konzentration auf die Grenze als Entstehungsort interkultureller Transfers und Innovationen. ‚Ähnlichkeit‘ ermöglicht es, Schemata infrage zu stellen, indem Identitätsmomente zwischen different gedachten Entitäten beobachtet werden, und ist damit ein Begriff interkultureller Transformation.

Unabhängig davon, ob ‚Ähnlichkeit‘ für die Beschreibung von Weltgesellschaft oder Individuen, von historischen oder aktuellen interkulturellen Begegnungssituationen, von überwiegend politisch oder stärker ästhetisch codierten Verhandlungen von Identität und Differenz herangezogen wird: Ähnlichkeit bedeutet Transformativität, d.h. Überwindung ehemals angenommener Grenzziehungen, Auswege aus Paradoxien und ein Zurücktreten binärer Ordnungen der Abgrenzung zugunsten rhizomatischer, genealogischer Vernetzungen. So betrachtet, wohnt ‚Ähnlichkeit‘ zum einen ein dekonstruktivistisches, zum anderen ein humanisierendes Potential inne. Ersteres gilt für die Infragestellung konstitutiver Unterscheidungen (zwischen Individuen wie insbesondere zwischen kulturell codierten Kollektiven) und den Abbau essentialistischer Differenz. Letzteres gilt für das ethische Moment der Ähnlichkeit, das soziale und politische Äquivalenzrelationen, Ausgleich und Gerechtigkeit einfordern kann. Ähnlichkeit eignet sich aufgrund ästhetischer Erkenntnispotentiale zum einen dazu, kulturelle Wissensordnungen zu transformieren (und kann diesbezüglich an sozialwissenschaftliche Theorien des gesellschaftlichen Wandels angeschlossen werden); zum anderen kann die Kategorie zur sozialen und politischen Kritik herangezogen werden, da im Licht gefundener Ähnlichkeiten Machtasymmetrien ihre Legitimität verlieren. Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts soll der Zusammenhang von Ähnlichkeit, Literatur und Interkulturalität in historischer wie theoretisch-systematischer Perspektive untersucht werden.

Geleitet wird der Forschungsschwerpunkt von Iulia-Karin Patrut und Matthias Bauer (beide Europa-Universität Flensburg).


Verantwortlich für die Redaktion: Gabriele Ziegler

Facebook Twitter Youtube-Kanal Instagram Blog Kontakt