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Gesellschaft für interkulturelle Germanistik

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Interkulturelle Literaturwissenschaft

Interkulturalität gilt als Denknotwendigkeit der Gegenwart. Darüber wird mitunter außer Acht gelassen, dass der Kultur ebenso wie der Literatur immer schon eine interkulturelle Dimension innewohnte. So wie es keine Kultur gegeben hat, die nicht durch eine andere beeinflusst worden wäre, so gibt es auch keine Literatur, die sich ganz eigenständig entwickelt hätte. In beiden Fällen haben wir es also mit einem plurale tantum (vgl. Hamacher 2011) zu tun.

Der Literatur als plurale tantum ist ihre Interkulturalität a priori eingeschrieben. Damit rückt in den Blick, dass wir es erstens bei der interkulturellen Literaturwissenschaft mit einem Forschungszweig zu tun haben, der von seinem Gegenstand her zu denken und daher zunächst einmal unter den Prämissen philologischer Zugangsweisen zu beschreiben ist (vgl. Mecklenburg 1990 u. Uerlings 1997); und dass zweitens dem für die Interkulturalitätsforschung immer wieder als Grundbegriff stark gemachten Aspekt der Fremdheit bzw. der Alterität nichts anhaftet, was der Literatur als ontologische Größe zugeschrieben werden könnte. Vielmehr sind das Fremde ebenso wie der Komplementärbegriff des Eigenen „heuristisch als operationale Größen von Interkulturalität zu verstehen, die also erst durch die Operationalisierung hervorgebracht werden.“ (Gutjahr 2002, 354) Das führt aber auch dazu, dass Interkulturalität nicht als statische Konstellation, sondern als Prozess mit notwendigerweise mitzudenkendem offenen Ausgang zu fassen ist.

Interkulturelle Literaturwissenschaft, die sich nicht anders als jedes philologische Kernfach durch eine Vielzahl von Methoden und analytischen Verfahrensweisen auszeichnet, versteht die Literatur daher nicht als geschlossenes Feld, sondern sieht sie in einem wechselseitigen Austausch mit thematisch mehr oder weniger affinen anderen Bereichen und damit unter Voraussetzungen gestellt, die eine kulturwissenschaftliche Öffnung ebenso wie einen Bezug zu komparatistischen Fragestellungen fast zwangsläufig nach sich ziehen. Dabei kann es jedoch nicht darum gehen, den Blick von den kulturellen Archiven und ihren nationalen Genesen gänzlich abzuwenden und etwa die deutschen, brasilianischen, englischen, indischen, australischen, südafrikanischen usw. Texte ausschließlich als literarische Belege allgemeiner Prinzipien von Wortkunst, Poetizität, (Inter-)Textualität etc. zu verstehen (vgl. Fohrmann 2013), denn das wäre eine Verengung, an der gerade einer interkulturell ausgerichteten Germanistik nicht gelegen sein kann. Setzt man aber voraus, dass es nicht nur eine Germanistik gibt und schon gar nicht von der Germanistik als deutscher Wissenschaft die Rede sein sollte, so ist Erich Auerbachs Diktum, dass unsere philologische Heimat nicht die Nation, sondern die Erde sei (vgl. Auerbach 1992), nicht nur von ungebrochener Aktualität, sondern für die interkulturelle Literaturwissenschaft eine Orientierungsgröße, hinter die nicht mehr zurückgegangen werden kann.

Literatur

  • Auerbach, Erich: Philologie der Weltliteratur. Frankfurt a.M. 1992.
  • Fohrmann, Jürgen: Weltgesellschaft und Nationalliteratur (am Beispiel der Germanistik“. In: Internationales Colloquium „Nach der Theorie, jenseits von Bologna, am Ende der Exzellenz? Perspektiven der Germanistik im 21. Jahrhundert“ (Schloss Herrenhausen, Hannover, 4.-6. April 2013). Online-Publikation der Diskussionen und Ergebnisse; online unter: http://www.perspektiven-der-germanistik.de/files/Vortrag_Juergen_Fohrmann.pdf [Stand 11.04.2018].
  • Gutjahr, Ortrud: Alterität und Interkulturalität. Neuere deutsche Literatur. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Hg. von Claudia Benthien und Hans Rudolf Velten. Reinbek bei Hamburg 2002, S. 345-369.
  • Hamacher, Werner: Heterautonomien. In: ZiG 2 (2011), 1, S. 117-138.
  • Mecklenburg, Norbert: Über kulturelle und poetische Alterität. Kultur- und literaturtheoretische Grundprobleme der interkulturellen Germanistik. In: Hermeneutik der Fremde. Hg. von Dieter Krusche und Alois Wierlacher. München 1990, S. 80-102.
  • Uerlings, Herbert: Poetiken der Interkulturalität. Haiti bei Kleist, Seghers, Müller, Buch und Fichte. Tübingen 1997.

Dieter Heimböckel / Manfred Weinberg


Verantwortlich für die Redaktion: Gabriele Ziegler

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