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Gesellschaft für interkulturelle Germanistik

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Interkulturalität

Von Interkulturalität lässt sich immer dann sprechen, wenn Kulturunterschiede bedacht werden und wenn über Kulturgrenzen hinaus gedacht wird. Das impliziert, dass kulturelle Unterschiede relative, nicht absolute Differenzen und Kulturen Gebilde von nur relativer Kohärenz sind und damit Felder von Distinktion, Abgrenzung, Konflikt ebenso wie von Austausch, Diffusion und Integration.

‚Interkulturalität‘ wurde im Zuge der Entstehung der interkulturellen Germanistik in den 1980er Jahren als Gegenbegriff zu einem Kulturbegriff entwickelt, der Kulturen holistisch als geschlossene Ganzheiten dachte, über die eine als universalistisch konzipierte, in Wahrheit aber euro-, wenn nicht germanozentrische germanistische Wissenschaft Übersicht verschaffe. (Vgl. Wierlacher 2003).

Bei der Konzeption von ‚Interkulturalität‘ wurde das Präfix „inter“ aus seiner alltäglichen Trivialbedeutung bloßer Globalität herausgelöst, indem seine ursprüngliche Wortbedeutung des „zwischen“ akzentuiert wurde. ‚Interkulturalität‘ lässt sich dann u.a. bestimmen als Prinzip kulturbewussten Mitdenkens des Anderen, das der Selbstverfremdung und darüber – möglicherweise – der Selbstaufklärung (im Sinne einer Erweiterung der eigenen Sicht) und der Verständigung (im Sinne eines Miteinander-Redens) dient. An die Stelle dichotomer Unterscheidungen des Eigenen und des Fremden und ihres theoretisch-methodischen Pendants, des Prinzips der Kontrastivität, trat die Beobachtung der wechselseitigen Konstitution von Identität und Alterität, immer unter der Prämisse der Anerkennung der Gleichursprünglichkeit und Gleichberechtigung kulturdifferenter Positionen. Damit rückten kulturelle Zwischenpositionen, ‚dritte Kulturen‘ zwischen Kulturen, Interkulturalität als anhaltende Zumutung, der Widerspruch im dialogischen Sprechen (Levinas) in den Fokus.

Die Interkulturalitätsforschung vollzog damit auf ihre Weise die ethnographische Inversion, die den Beobachter und die Repräsentationsformen mit in den Blick nimmt, so dass der Gegensatz von eigen und fremd dezentriert wird, und sie konzipiert auch Hybridität wie in den Postcolonial Studies (Bhabha) als eine solche Verschiebung, ohne jedoch Hybridität per se als Wert aufzufassen. (Vgl. Uerlings 2017).

Innerhalb dieses Rahmens ergibt sich eine gewisse Bandbreite des Verständnisses von Interkulturalität. Man kann z.B. den Wert interkultureller Kommunikation betonen und dabei kritisch die Bedeutung und das Potenzial von Brückenkonzepten wie Mimesis, Empathie und Verstehen ausloten (vgl. Mecklenburg 2008). Man kann aber auch weniger das Verstehen als die produktive Verunsicherung  in den Fokus rücken. Dabei geht es dann primär um den Standpunkt des Beobachters und seine Bereitschaft, die eigene Position immer wieder aufs Spiel zu setzen und die interkulturelle Praxis zur Umgestaltung bestehender Denk- und Handlungsformen zu nutzen. In diesem Sinne lässt sich Interkulturalität als Kultur-im-Zwischen bzw. als „Projekt“ (Heimböckel/Weinberg 2014) mit einem utopischen Potenzial begreifen.

Literatur

  • Heimböckel, Dieter / Weinberg, Manfred: Interkulturalität als Projekt. In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 5 (2014), 2, S. 119-144.
  • Interkulturalität. Studien zu Sprache, Literatur und Gesellschaft. Hg. von Andrea Bogner, Dieter Heimböckel und Manfred Weinberg. 2014 ff.
  • Mecklenburg, Norbert: Das Mädchen aus der Fremde. München 2008.
  • Uerlings, Herbert: Interkulturalität. In: Handbuch Postkolonialismus und Literatur. Hg. von Dirk Göttsche, Axel Dunker und Gabriele Dürbeck. Stuttgart 2017, S. 101-108.
  • Wierlacher, Alois: Interkulturalität. In: Handbuch interkulturelle Germanistik. Hg. von Alois Wierlacher und Andrea Bogner. Stuttgart, Weimar 2003, S. 257-264

Herbert Uerlings


Verantwortlich für die Redaktion: Gabriele Ziegler

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